Evangelisch-Lutherische Kirche. Über die Jahrhunderte prägte die Stadtkirche die Silhouette Jenas. Die dreischiffige, gestufte Hallenkirche mit schmalen Seitenschiffen und Chor mit 5 / 8 Schluss sowie aus der Achse gerücktem, zur Südfassade fluchtendem Westturm wurde parallel zur ehemaligen Fernstraße Erfurt-Altenburg errichtet. Dem Reisenden, der an der langen Schaufassade vorüberzog, muss der Kirchbau dadurch besonders mächtig erschienen sein.
Jenas Stadtkirche ist eine der größten spätgotischen Hallenkirchen Thüringens. In ihrer architektonischen und baukünstlerischen Gestaltung löst sie sich aus der regionalen Tradition und findet Vorbilder im oberschlesischen Kirchenbau sowie in der böhmischen Sakralarchitektur und den Schöpfungen der Parlerschule. Sie ist dem Schutzpatron der Stadt, dem Erzengel Michael geweiht. Seine vom Vorgängerbau stammende Figur (Bamberger Schule, um 1240, Holz) stand ursprünglich in einer Schmucknische am Turm und hat heute seinen Platz im Langhaus.
In der ersten Bauphase 1380 - 1442 wurden der Chor mit der Durchfahrt zum nördlich gelegenen Zisterzienser-Nonnenkloster sowie drei Joche des Schiffes errichtet. Gleichzeitig erfolgte die Einwölbung mit dem spannungsvollen Rippengewölbe, darunter der kunstvolle, zwei Joche überspannende Stern. Das in dieser Bauphase entstandene Brautportal erhielt wohl nie die vorgesehenen Figuren der klugen und törichten Jungfrauen.
Nach beinahe 40-jähriger Unterbrechung begann die zweite Bauphase. Bis 1506 war das siebenjochige Kirchenschiff vollendet. Als zweites Portal entstand das große Fensterportal mit Prangersteinen (Gerichtsportal).
Die zum ehemaligen Kloster gewandte Nordfassade erhielt als Besonderheit ein als Erker ausgebildetes Beichthaus für die Nonnen. Zeitgleich mit der Fortführung des Langhauses erfolgte der Bau der beiden unteren Turmabschnitte. Die Errichtung der Achteckgeschosse und der Renaissancehaube mit Schildgiebeln und Laterne dauerte bis 1557.
Spätgotisches Maßwerk, dessen erhaltene Reste Schweiffialen erahnen lassen, vermittelte zwischen dem Kubus und dem Oktogon.
Der Turm blieb bis 1932 im Besitz der Stadt. Zwar waren hier das Geläut und die Wolfgangskapelle untergebracht, doch diente er aufgrung seiner Höhe von 53,50 m bis zur Haube (Gesamthöhe 72,50 m) als Feuerwache. An seiner Westseite befindet sich ein Kreuzigungsrelief (1486 / 94) von Peter Heierliß, dessen Mitarbeit am Kirchbau zahlreiche Steinmetzzeichen belegen.
Zur Ausstattung der Stadtkirche gehört die vor 1507 entstandene steinerne Kanzel, von der Martin Luther mehrfach predigte. Ihr gegenüber ist die Grabplatte des Reformators aufgestellt, die 1548 / 49 von H. Ziegler in Erfurt für Luthers Grab in der Wittenberger Schlosskirche gegossen wurde. Von gutem Klang ist die Orgel auf der Westempore (Fa. Schuke, Potsdam, 1963).
1945 wurden drei Joche des Kirchenschiffes und die Turmhaube zerstört. Die Gewölbe im Kirchenschiff wurden vereinfacht wieder hergestellt.
Der Turm erhielt eine Notdeckung. 1998 begann die Turmsanierung. Umfangreiche Steinmetzarbeiten waren nötig. Mehr als 7 km Fugen wurden geschlossen. Die Haube wurde originalgetreu rekonstruiert und krönt seit Mai 2000 wieder den Kirchturm.
Restauratorische Untersuchungen am Mauerwerk brachten interessante bauzeitliche Befunde: Das aufgemalte spätmittelalterliche Zifferblatt der Turmuhr konnte ebenso entdeckt werden wie Reste früherer Farbfassungen in Rotviolett und Rot, die unsere Vorstellung von einer materialsichtigen Fassadengestaltung korrigieren.
Martin Luther predigte hier 1524 und 1529
um 1380 - 1442 Errichtung von Brautportal und Chor mit Durchfahrt (als eines der sieben Wunder Jenas bezeichnet) zum angrenzenden Zisterzienser-Nonnenkloster an der Stelle zweier romanischer Vorgängerkirchen
1506 Fertigstellung als spätgotische Hallenkirche
1474 - 1557 Turmbau, Abschluss mit Renaissancehaube
1945 Schwere Kriegsschäden, vereinfachter Wiederaufbau
1983 / 84 Restaurierung und Rekonstruktion der gotischen Ausmalung
1998 - 2001 Turmsanierung, Rekonstruktion der Turmhaube
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